Der Sohn des Sauschneiders – Buchbesprechung

Der Sohn des Sauschneiders – oder ob der Mensch verbesserlich ist
Ein Roman von Michael Lichtwarck-Aschoff

Das Buch hat mich gefunden, nicht umgekehrt. Gekauft hätte ich es mir vielleicht nicht, weil mich das Cover nicht wirklich anspricht und ich ein visueller Mensch bin. Doch was mir dann zwischen den Buchdeckeln begegnet ist, war wie einen Schatz entdecken. Eine Druse. Man findet den unscheinbaren Stein, schlägt ihn auf und staunt über das Funkeln im Inneren.

Es ist ein historischer Roman, der um 1900 im Österreichischen angesiedelt ist. In einem kleinen Dorf in der Krain und in Wien. Einerseits handelt es vom kargen Leben einer Sauschneiderfamilie – Sauschneider haben nicht nur Säue und Eber kastriert, sondern manchmal auch verbotenerweise Menschen behandelt. Andererseits spielt es im Vivarium, einer Institution in Wien, in der die Wissenschaft betrieben wurde.

Was ein Vivarium ist wusste ich auch nicht. Ich musste bei Wikipedia nachschlagen und erfuhr folgendes:

Das Wiener Vivarium war ein Schauaquarium, das anlässlich der Wiener Weltausstellung 1873 im Wiener Prater erbaut wurde. 1903 wurde es unter dem Zoologen Hans Leo Przibram in eine experimBildergebnis für Vivarium wien 1873 Fotoentelle Biologische Versuchsanstalt umgewandelt, in der auch der Biologe Paul Kammerer und kurzzeitig Alma Mahler-Werfel wirkten. Die Biologische Versuchsanstalt war eine der bemerkenswertesten wissenschaftlichen Einrichtungen Österreichs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mehr als dreißig Jahre lang entstanden dort innovative wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der experimentellen Biologie.

Die Arbeit und das Scheitern von Hans Leo Przibram, Paul Kammerer und Alma Mahler-Werfel, die u.a. an der Seescheide, der Geburtshelferkröte, der Gottesanbeterin und dem Grottenolm forschten, ist die eine Sache, um die es im Roman geht. Die andere ist das Leben der Familie Meguşar, die ebenfalls scheitert, weil der Vater ein Träumer ist, die Mutter mit der ihr aufgebürdeten Last nicht fertig wird, und der Sohn, der Franz, um den es hier u.a. geht, eigentlich zu ehrlich und zu geradeheraus ist.

Bemerkenswert und anerkennungswürdig sind die der damaligen Zeit angepassten Sprache und die Erzählweise des Autors, der übrigens auch Mediziner ist. Zwar beginnt er mit der Geburt vom Franz, aber bald schon greift er vor, überspringt, kommt zurück, knüpft wieder an einer ganz anderen Stelle an. Irgendwann so mittendrin erfährt man dann auch, dass ein Freund vom Franz, der Erzähler ist, und dass er die Aufgabe übernommen hat, dessen Leben zu ordnen. Und das tut er gut, der Freund, dessen Namen man nie erfährt. Die einzelnen Lebens-Stücke werden von ihm zusammengetragen, geordnet und zu einem Ganzen zusammengefügt. Keine Frage bleibt unbeantwortet. Der Autor vergisst, wie man das von einem guten Schriftsteller erwarten darf, nichts und keinen auf der langen Wegstrecke bis zum Ende hin.

Was die Sprache betrifft, die Textgestaltung, da lässt man sich auf etwas ganz Ungewöhnliches ein. Ein Hauch von Mundart (für jeden zu verstehen). Kurze Sätze. Umgestellte Wiederholungen. Eine Sprache, die der simplen Art vom Franz und dem Erzähler seiner Geschichte gerecht wird und dabei ein Beweis ist, dass auch ein Hauch von Mundart Literatur sein kann!

Und zwischendurch dann Sätze wie der – so ungeheuer gescheit, dass man denkt, es haut einen gleich um:

Wenn man sich anstrengt, kann man sich die ganze Welt so zurechtdenken, dass alles, was existiert, die Lösung für ein Problem ist. Hörner, Flossen, Flügel, Unverschämtheit, Krieg und Pest, das muss alles sein, weil dafür gibt es ein Problem, das wunderbar passt, weil wir es passend gemacht haben.
Ich gebe zu, auch ich habe ihn zweimal gelesen, um ihn zu verstehen. Und am besten wäre es wohl, man würde das ganze Buch zweimal lesen. Einmal, um die Geschichte zu erfassen, einmal für den tieferen Sinn.

Erzählen muss ich noch, dass es in dem Roman auch darum geht, ob ein Rindvieh unbedingt Hörner braucht, und dass der Franz hornlose Kühe züchten will. Dabei habe ich mich doch immer wieder einmal gefragt, ob Michael Lichtwarck-Aschoff nicht vielleicht mit den Rindviechern auch uns Menschen meinen könnte …

Michael Lichtwarck-Aschoff / © Foto: Mirko Markic
Michael Lichtwarck-Aschoff Foto © : Mirko Markic

Zum Schluss will ich Ihnen nicht vorenthalten, was man im Deutschlandfunk über den Autor zu hören bekam: „Er vermittelt seinen Stoff bemerkenswert leicht, quasi durch die Hintertür. Er schreibt für Wissensdurstige.“

Und der SPIEGEL schrieb über ihn: „Dem Medizinier Michael Lichtwarck-Aschoff gelingt es, aus Momenten der Wissenschaftshistorie überaus lesenswerte Literatur zu schaffen.“

Apropos – für Mediziner müsste der zweite Teil seines Namens ein Begriff sein, denn sein Urgroßonkel Ludwig Aschoff hat im menschlichen Herzen eine Struktur beschrieben, die zum Reizleitungssystem gehört und seither der ‘Aschoff-Tawara-Knoten‘ heißt. So gibt es auch unter denen, die seine Bücher nicht kennen, viele Menschen, die einen Teil seines Namens im Herzen tragen, auch wenn die davon gar nichts wissen.

Um zum Schluss zu kommen: Im Nachhinein muss ich zugeben, dass auch das Cover stimmig ist. Es passt. Irgendwie.

Erschienen im Verlag klöpfer.narr

ISBN 978-3-7496-1005-1 Hier können Sie das Buch bestellen Beck-Shop

Eine Kurzgeschichte des Autors mit dem Titel ‚Eine schwache Liebe hebt besser als eine starke‘ finden Sie in unserer Anthologie      ‚Nähe‚ Verlag by arp

ISBN 978-3-946280-60-6 – Hier können Sie das Buch bestellen Beck-Shop

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