Die Mär von der sprichwörtlichen Ruhe auf dem Lande …

Im ‚Focus‘ kann man lesen, dass Zeitschriften wie ‚Landlust‘ höhere Auflagen als der ‚Spiegel haben, und gestern brachte das Radio einen Bericht, in dem es hieß, dass ‚Wohnen auf dem Land‘ wieder voll im Trend liegt. Denn: Gestresste Menschen sehnen sich nach Harmonie, Zufriedenheit und der himmlischen Ruhe auf dem Land.

Ruhe auf dem Land? – Ha, von wegen!

Ich wohne auf dem Land und kann euch ein Lied davon singen, dass man leises Vogelgezwitscher und das Rauschen des nahen Baches höchstens in den frühen Morgenstunden hört. Allerspätestens ab sieben Uhr morgens ist dann Sense mit Ruhe! Da bekommt der Nachbar drei Häuser weiter Kies geliefert, den er ab sieben auf den Weg hinterm Haus schippt. Beim Nachbarn zur linken Seite müssen die Kinder zur Schule. Autotür zu, Autotür wieder auf: „Maaaamaaa! Hab was vergessen!“ Autotür zu, Kind zwei und Kind drei steigen nun ebenfalls ein, Autotür zu  – und Tschüss!

Ab acht Uhr wird’s etwas ruhiger. Doch gegen zehn düst der Bauer auf seinem Traktor an, um die Wiese hinterm Haus zu mähen. Während der nächsten drei Tage wird er mehrmals Gras wenden, dann das Heu aufladen und abtransportieren.

Abends, so gegen halb sechs, mach ich Schluss mit Schreiben. Endlich Feierabend! Essen vorbereiten, Tisch auf der Terrasse decken … aber von wegen Stille, vergiss es!

Die Nachbarin auf der anderen Seite vom Bach hat eine elektrische Wasserpumpe. Damit pumpt sie Grundwasser hoch, um ihr Gemüse zu gießen. Das tut sie jeden Tag zur Feierabendzeit (obwohl sie Rentnerin ist), sogar wenn es eine Stunde vorher erst geregnet hat. Denn ihr Garten ist ihr Ein und Alles! Na gut, wirklich laut ist die Elektropumpe nicht – etwa so, als würde man ein Moped laufen lassen. Nervig halt.

Ist auch schon egal, denn der Nachbar von schräg gegenüber baut. Er baut ganz alleine und seit acht Monaten. Abends nach Feierabend und samstags den ganzen Tag, immer bis halb acht. Steinfließen fräsen. Hämmern. Holz sägen. Hämmern. Schippen. Hämmern. Da beißt du schon langsam in die Tischkante.

Und nicht zu vergessen das Rasenmähen. Hat der eine aufgehört, fängt der andere an. Ach ja, und dann wird natürlich noch Holz gehackt, denn zum schönen Landleben gehört schließlich auch ein Feuer im Kamin.

Manchmal sehne ich mich nach der Ruhe in der Stadt. Gleichmäßige Motorengeräusche hinter schalldichten Fenstern. Balkon zum Hinterhof, höchstens mal fröhliches Kinderlachen. Klar, wenn du direkt über einer Kneipe oder neben einem Biergarten wohnst, hast du Pech gehabt. Gibt‘s allerdings bei uns auf dem Land auch. Und dann noch das Kirchenglockenläuten … Halleluja!

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Nur ein Traum, die sprichwörtliche Ruhe auf dem Lande

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