Autoreninterview mit Olaf Büttner

Die Nordsee leckt über das sandige Ufer, am Himmel segeln Möwen und stoßen ihre Schreie aus, die wie hartes, hämisches Lachen klingen. Mit weitausholenden Schritten geht er neben mir her – Olaf Büttner grauhaariger Ostfriese, gestandenes Mannsbild, Anfang sechzig, erfolgreicher Autor. Wir reden über dies und das, die großen Klassiker, die Bekannten und weniger bekannten Autoren, den Job, der uns verbindet, und seine Tücken. Kurz kommen wir auf Shakespeare zu sprechen – Hamlet, Prinz von Dänemark, ‚sein oder nicht sein‘ – und dann die Frage: „Ja, wer ist man eigentlich?“

Die Hände in den Manteltaschen vergraben denkt Olaf Büttner eine Weile nach, meint dann mit einem Nicken: „Hab ich mich früher ziemlich oft gefragt und bisweilen ist das auch noch heute der Fall. Die äußeren Fakten sind natürlich schnell erzählt. Ich bin verheiratet, habe einen erwachsenen Sohn, den wir Jonas genannt haben zu einer Zeit, in der dies noch kein Modename war. Bin in Wilhelmshaven an der Nordsee geboren, habe mich irgendwann auf die Socken gemacht, habe hier und dort gelebt und bin schließlich wieder zurückgekehrt in die alte Heimat. Nun lebe ich schon ganz schön lange wieder an der Nordsee, in einem kleinen Strandort, nicht allzu weit von Wilhelmshaven entfernt.“

Sein Haar steht im Wind recht auf, er lässt den Blick übers Meer schweifen und fügt schließlich an: „Ich mag die Gegend hier wirklich sehr.“

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Olaf Büttner

„Und sonst noch?“, bohre ich weiter.

„Ich habe zwei Berufe“, erklärt Olaf Büttner. „Der eine ist Schreiben, der andere meine Arbeit in einer Wohngruppe mit Jugendlichen. Das erlebe ich weniger als Spaltung denn als eine sich manchmal in wunderbarer Weise zusammenfügende Einheit. Was allerdings nicht heißt, dass ich über die Jugendlichen aus meiner Gruppe schreibe, das fände ich nicht gut. Grundlage für beide Arbeitsbereiche ist Kreativität sowie mein sehr stark ausgeprägtes Interesse an Menschen, unseren Widersprüchen, Abgründen, unseren Lügen, unserer Wahrheit, unserem Hass, unserer Liebe, überhaupt unseren vielfältigen, komplizierten oder ganz einfachen Beziehungen untereinander und jedes Einzelnen von uns zu sich selbst. Das ist mein großes Thema, sowohl im Alltag als auch in meiner Arbeit als Schriftsteller und mit den Jugendlichen. – Das ist dann zusammengefasst so ungefähr das, was ich bisher auf diesem Planeten über mich herausgefunden habe.“ Mit einem Schmunzeln sieht er mich an. „Aber keine Sorge: Die Suche geht weiter!“

Als ich von ihm wissen will, wie er zum Schreiben kam und welchen Platz dieser Teil seiner beiden Berufe in seinem Leben einnimmt, bleibt er kurz stehen, zieht Stirnfalten, sagt schließlich: „Ich kam nicht zum Schreiben, das Schreiben kam zu mir. – Ist das jetzt ein Klischee? “

Er geht weiter, fügt nach einer Weile an: „Die interessante Seite an Klischees ist ja, dass immer auch ein Wahrheitsgehalt in ihnen steckt. Beim Schreiben meines neusten Romans ‚Friesenschwindel‘ (erscheint im April 2017) habe ich eine unheimlich große Lust daran entdeckt, mit Klischees zu spielen. Das ist eine großartige und völlig verrückte Sache, aus der sich fast von allein eine ganz neue Form der Wirklichkeit entwickelt. In dem Buch geht es zum Beispiel um polnische Frauen, die deutsche Männer über den Tisch ziehen, deutsche Männer, die sich problemlos über den Tisch ziehen lassen, wenn eine hübsche Frau mit dem Hintern wackelt, leicht dusselige Ostfriesen, einen Psychologen, der an Burnout erkrankt, um einen Detektiv, der an chronischer Selbstüberschätzung leidet usw. Damit zu spielen kann wirklich faszinierend sein!“

„So ein leicht dusseliger Ostfriese wie du?“, bemerke ich, und wir lachen beide.
Aber zurück zur eigentlichen Frage: „Meine erste Geschichte war ein Märchen“, erzählt Olaf. „Die habe ich geschrieben, als ich in der ersten Klasse war. Da ging es um eine Hexe und eine Blume, die sich in einem Wald begegneten. Vielleicht habe ich da irgendwelche Kindheitserlebnisse verarbeitet, vielleicht war ich aber auch einfach nur von den vielen Märchen inspiriert, die mir zum Einschlafen vorgelesen wurden – meistens von meinen älteren Geschwistern.“

„Du hattest Geschwister? Wie viele?“

„Fünf ältere und einen jüngeren Bruder.“

„Dann ward ihr also sieben!“ Ich selbst hatte drei Geschwister, und es gab nicht selten Streit. Ich versuche mir vorzustellen, es hätten da noch drei weitere am Tisch gesessen. „Da war bei euch zu Hause wohl `ne Menge los!“, bemerke ich mit einem Zwinkern und frage: „War, mal abgesehen von den Märchen, Literatur in deiner Familie ein Thema?“

„Nein.“ Olaf schüttelt den Kopf. „Obwohl: Mein Vater, der gestorben ist, als ich 20 war, erzählte mir manchmal zum Einschlafen selbsterfundene Märchen. Das finde ich übrigens im Nachhinein sehr faszinierend, da das überhaupt nicht zu dem Bild passt, das ich ansonsten von ihm habe. Schriftstellerische Ambitionen hatte er jedenfalls überhaupt nicht! Mir hat das Schreiben meines allerersten Märchens aber so viel Spaß gemacht, dass ich dann noch ein paar weitere geschrieben habe. Und über die Kinderjahre verteilt, nicht andauernd, aber regelmäßig in teils größeren Abständen, kamen bald auch andere Geschichten hinzu. Eine Bildergeschichte über ein paar Kids, die einen Zoo aufgemacht haben. Eine Kurzgeschichte über einen Marathonlauf, eine über ein Fußballspiel … und immer so weiter.“

„Und erste Veröffentlichungen?“, hake ich nach.

„Mit siebzehn Jahren habe ich ein paar Gedichte in einer Literatursendung im NDR veröffentlicht. Dann folgten Kurzgeschichten, auch im Radio, ein erster kleiner Roman blieb erstmal unveröffentlicht. Insgesamt war es bis zum ersten Buch eine sich über Jahrzehnte dahinziehende Entwicklung. Zusammenfassend lässt sich wirklich sagen, dass ich mir das Schreiben nicht ausgesucht habe. Es war da wie meine Augenfarbe oder die Gene zu meiner späteren Schuhgröße, die von Beginn an in mir steckten. Mal altreligiös ausgedrückt: Ein bisschen Segen und ein bisschen Fluch. In jedem Fall ist es ein Urteil, mit dem ich klarkommen muss und auch sehr gerne klarkomme!“, fügt er an. Sagt es und lacht sein sympathisches Jungenlachen.

Noch eine letzte Frage setze ich nach: „Was bewegt dich als Mensch und Autor?“

Seine Antwort fällt kurz aus. „Das Leben!“

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